Richter Terese: Zur Dissoziation von Autor und Werk und dem Widescreen-Panel nach Bryan Hitch

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Richter Terese 2

Im Grunde bezieht sich Richter Terese auf den Superhelden-Comic. Deren Autoren und Zeichner greifen regelmäßig Geschichten wieder auf, die über Dekaden hinweg publiziert worden sind. Die (gemeinsamen) Abenteuer aller Superhelden bilden fiktive Biografien, die sich zu einer fiktiven Weltgeschichte summieren. Als Populärmedium dürfen Comics dabei keineswegs hermetisch sein. Punktgenau müssen sie ihre Historie kommunizieren, auch über Widerstände hinweg.* Widerstände seitens der LeserInnen, die die 70jährige Publikationsgeschichte der Comics unmöglich ganz erinnern können. Und Widerstände der Comicform selbst: „Comics, never forget, is a hybrid form, that borrows from all the others that preceded it“ (Ellis 2014). In ästhetischer Hinsich sind Comics „messy objects.“ Comics folgen weder einer rein bildlichen, noch je einer bloß textlichen Logik. Dieser Hybridcharakter unterläuft die präzise Kommunikation, bleibt stets im teilweise Vagen. Comics sind ein Medium intuitiven Verstehens, weil sie auf keine einheitliche Grammatik verpflichtet werden können.

In diesem Sinne sind Comics das Gegenteil von wissenschaftlichen Aufsätzen. Die müssen aus externen Quellen zitiertes Wissen eindeutig und unproblematisch zugreifbar, nachvollzieh- und auffindbar machen. In Richter Terese. Zur Dissoziation von Autor und Werk und dem Widescreen Panel nach Bryan Hitch wollte ich die formale Geradlinigkeit wissenschaftlichen Zitierens in die Bildsprache des Comics übersetzen.

Richter Terese. Zur Dissoziation von Autor und Werk und dem Widescreen Panel nach Bryan Hitch ist eine wichtige Vorarbeit zu meiner künstlerischen Promotion. Der Kurztitel Richter Terese 2 deutet schon an, dass die Arbeit konzeptionell an die Comic-Skizze Gerhard Richter: Terese Andeszka (Ein Wunder rettete!) anschließt. Die Comicskizze hat ihre Themen noch eher zaghaft benannt: 1. Bedingungen und Möglichkeiten, Wissen durch Zitate zu Referenzieren, und 2. Comics als „medialer Rohstoff“, aus dem sich eigene Zitationsstrategien ableiten lassen.

Die Sprache von Richter Terese 1 habe ich noch im Zeichnen improvisiert. Bei Richter Terese 2 legte ich schon vor dem Zeichnen grammatikalische Regeln fest. Anders als der intuitive Prozess von Richter Terese 1, entspricht dieses Vorgehen der systematischen Strenge wissenschaftlichen Schreibens. Als erstes unterteilte ich jedes Blatt in vier Streifen. Sie erstrecken sich über die gesamte Breite und sind als Übertreibung des „widescreen panels“ gemeint. Im Widescreen Panel hat der Comiczeichner Bryan Hitch in den 2000er Jahren das 16:9-Kinoformat zum neuen Maßstab von Comicpanels gemacht. Die Bildstreifen sind Textträger. Sie geben denselben Essay „zur Dissoziation von Autor und Werk“ in der Malerei von Gerhard Richter wieder, den ich auch in Richter Terese 1 benutzt habe. Dabei wird der Text verdoppelt: Einmal erscheint er als mit dem Pinsel getuschter Text in „Echtzeit“. Und darunter als Abstraktion in drei Reihen, mit Kästchen als Lettern. Jeder 0,5 cm² enthält einen Buchstaben. In diesen tiefergelegten Streifen läuft der Text „schneller“ übers Papier als in der Oberzeile, die Worte aneinandergereiht, wie in einem News-Ticker. In seiner Kästchenform ist der Essay denn auch früher „durchgelaufen“ als die Pinselversion.

Unter der Textzone liegt eine „Referenzzeile“ an: Durch stets 3 cm lange Segmente wird dem Flimmern des Textes ein objektives Maß gegenübergestellt. Die Referenzzeile enthält außerdem Befehle zur Textformatierung: Fetten des Textes, Kursivierung oder das Einfügen eines Absatzes.

Oberhalb des Essays liegen die weiterführenden Textteile. Direkte Zitate, Werktitel, bibliografische Angaben und Fußnoten vom Fließtext getrennt. Mir war wichtig, die nicht selbst formulierten Teile klar von meinen eigenen Worten zu unterscheiden. Das dissoziative Moment, über das der Essay spricht, wird so auf die Zeichnung übertragen: Ein homogener Textkörper wird in seine Einzelteile zerlegt. Sie werden ihrer Funktion nach differenziert und in Textboxen („captions“ im Comic) „verpackt“. Darin heben die zitierten Passagen sich als Fremdkörper vom Text ab.

Das Setzen von Fußnoten ist die populärste Strategie, Wissen zu referenzieren. In Richter Terese 1 habe ich Fußnoten noch direkt neben den Haupttext gestellt. Ich wollte veranschaulichen, auf welche Menge an Wissen akademisches Schreiben wie nebenbei verweist. Insbesondere, weil es sich um für den Haupttext nebensächliches Wissen handelt. In Richter Terese 2 wollte ich enger an der Struktur des wissenschaftlichen Aufsatzes bleiben. Kunsttheoretische Arbeiten sammeln Fußnoten etwa am Ende des Textes. Analog zur hochgestellten Zahl oder dem Sternchen benutze ich schwarze Kreuze. Große Kreuze weisen auf Fußnoten hin, deren Inhalt in direktem Bezug zum Fließtext stehen. Die kleineren Kreuze sind Fußnoten zweiter Ordnung: Sie verweisen auf Assoziationen, die sich aus der vorhergehenden großen Fußnote entwickeln. Die großen und kleinen Fußnoten referenzieren also Wissen, dass dem Haupttext unterschiedlich nahe steht. Darin wird das hierarchische Prinzip vermeintlich logischer Ordnungen anschaulich.

* Wie genau sie das tun, d. h. welche bild-textlichen Strategien die ProduzentInnen von Comics dazu anwenden, bildet die Fragestellung meiner Dissertation.

Literatur

Ellis, Warren 2014: Orbital Operations 5jun14, E-Mail Newsletter.

Richter Terese. On the Dissociation of Author and Work and the Widescreen Panel after Bryan Hitch

Basically, Richter Terese is concerned with superhero comics. Their producers regularly pick up plot points from stories published decades ago. The past adventures of all superheroes then constitute fictional biographies. Together, all of these biographies add up to a fictional world history. For a reader to make sense of this history, she must have competences of remembering fictional history. More to the point, she has to competently remember things unknown, as no reader could keep a 70 years long history of superhero comics in mind.

In this, Comics represent the exact opposite of scientific articles. These are expected to quote from outside sources in an umproblematically understood manner, easily comprehend- and accountable. Nevertheless comics seem to be very effectively communicating with their audience, conveying information precisely, in spite of being „messy objects“ in regard to their formal make-up as a hybrid medium of text and images.** With Richter Terese. On the Dissociation of Author and Work and the Widescreen Panel after Bryan Hitch, I wanted to emulate the formal clarity of scientific quoting practices by means of comics visual vocabulary.

Richter Terese. On the Dissociation of Author and Work and the Widescreen Panel after Bryan Hitch feels like an important step in preparing my PhD exhibition. Its working title Richter Terese 2 already hints at a predecessor, the sketch comic Gerhard Richter: Terese Andeszka (Ein Wunder rettete!). The sketch comic named its subjects in a rather cautious way. This would be: 1. The conditions and possibilities of referencing knowledge through quotation, and 2. Potential ways to derive graphic strategies of quotation from comics’s visual language.

The vocabulary of Richter Terese 1 was improvised during the drawing process. With Richter Terese 2, however, I conceived a coherent set of rules beforehand, which I would follow in my drawings. This approach conforms to the sober methodology of scientific research processes. First, I defined four horizontal areas, that stretch out over the entire sheet of paper. These areas are meant as an exaggerations of the so called Widescreen Panel. It’s a format based on the cinematic 16:9 ratio of the silver screen and was popularized by artist Bryan Hitch. The strip like areas are filled up with text from my essay „on the dissociation of author and work“ regarding the paintings of Gerhard Richter. It’s the same text I used on Richter Terese 1. The essay is spelled out twice: Once in „real time“ in the line that’s written in ink with a brush. And a second time in abstract squares beneath that primitive calligraphy. This uninterrupted string of words is reminiscent of news tickers. As each .5 cm² takes up less space than its drawn counterpart above, the text in this lower area runs at an accelerated speed. Therefore, the essay concludes much earlier down there than in the upper line.

Beneath the text lies a bar scale: Its monotonous series of three centimeter long segments contrasts with the chaotic flicker of the essay and lends objectivity to the drawing. Besides, it also holds instructions for the essay’s formatting: It indicates which words should be bold or in italics or where paragraphs end.

The upper areas of each strip are reserved for text pieces that point out of the essay. Direct quotes, bibliographic information and footnotes are distinguished from the main text. It was important to isolate all the elements I didn’t formulate myself. Thus the dissociation talked about in the essay is repeats itself in the formal arrangement of the picture. A formerly homogenous, continuous text lies disassembled into its parts. These have been functionally differentiated and boxed in captions.

Footnoting must be the most common way to reference outside knowledge in a text. In Richter Terese 1, I placed the footnotes right next to the main text. I wanted to demonstrate how much knowledge scholars refer to in passing, even though most of it is often negligible at best. In Richter Terese 2, I tried to stay true to the structure of academic papers. Art historical articles often collect their footnotes at the end of the text. Myself, I used black cross-symbols as analogs for asteriks or superscripts. The bigger crosses refer to footnotes, that are directly related to the essay. The smaller ones are second order footnotes: They are associative elaborations on the previous footnote’s content. The footnotes can be said to vary in their proximity to the main text. In this, the underlying hierarchy of seemingly rational sign systems becomes apparent.

** How exactly they do this, by means of which artistic strategies, is the main subject of my dissertation.

Bibliography

Ellis, Warren 2014: Orbital Operations 5jun14, E-Mail Newsletter.

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