„Eine Übersetzung vom praktischem in empirisches Wissen“

Ein Denken ganz im Comic

Dave Sims glamourpuss las ich spät in meinem Studium. In glamourpuss versucht Sim sich an einer Geschichte des Fotorealismus im amerikanischen Zeitungscomic. Dabei ist vor allem seine Methode bemerkenswert: Eine krude Mischung aus Archivrecherche, Autoethnografie und wilder Spekulation. Sim gibt sich ganz seinem Gegenstand hin. Er schildert die Entwicklung des Fotorealismus nicht aus der objektiven Distanz des Historikers, sondern identifiziert sich mit den Akteuren seiner Geschichte – allen voran Alex Raymond –. Vollkommen selbstüberzeugt gibt er Auskunft über die Psychologie seiner Handelnden. Die Einfühlung ist dabei genuin künstlerisch: Durch das Zeichnen. Sim „kopiert“ Raymonds Comicstrips und lernt dabei dessen Technik. Es ist solche vor-theoretische Könnerschaft, die Sims Verständnis für die Bedingungen und Möglichkeiten fotorealistischer Comics stiftet. Glamourpuss – wiewohl kein unproblematischer Text – ist exemplarische artistic research, weil der Weg über das Zeichnen zur Erkenntnis führt. Dies unterscheidet Sims Comic von Scott McClouds Understanding Comics, dessen Bilder stets illustrativ bleiben. Der Prozess des Zeichnens bleibt unreflektiert.

Künstlerische Formfindung ist hochgradig kontingent: Zwei MalerInnen können über sehr verschiedene Herangehensweisen zum selben Ausdruck gelangen. Die Entstehung von Kunst mag im Werk mitgedacht sein, ist aber nicht notwendig nachvollziehbar. Artistic Research, wie diejenige Sims, ist demnach doppelt kontingent: Sims Gegenstand – fotorealistische Comics – ist von den Kontingenzen künstlerischen Schaffens bestimmt. Aber seine Forschungsarbeit – glamourpuss – ebenso. Deshalb hätte es auch nicht gereicht, Dave Sims Zeichnungen denjenigen Raymonds nur gegenüber zu stellen. Ein tieferes Verständnis für den fotorealistischen Comic würde so nicht befördert. Teilnehmende Soziologen kennen das Problem: „Als neues Wissen können nur Beschreibungen gelten, die einen Unterschied machen zu vorhandenen Selbstbeschreibungen. In der qualitativen Forschung handelt es sich oft um eine Übersetzung von praktischem Wissen in empirisches Wissen – von Könnerschaft in Kennerschaft“ (Hirschauer 2008: 176). Beschreiben sich Sims Zeichnungen zunächst nur selbst, fällt glamourpuss zusätzlich zurück auf das gesprochene Wort. Es kommentiert seine Zeichnungen, expliziert deren Verbindung zu Raymonds Arbeit. Glücklicherweise sind Comics das ideale Medium, Text und Bild aufeinander zu beziehen.

Hirschauer, Stefan 2008: „Die Empiriegeladenheit von Theorien und der Erfindungsreichtum der Praxis“, in: Ders. / Kalthoff, Herbert / Lindemann, Gesa (Hg.): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 165-187.

„A translation from practical to empirical knowledge“

Late during my studies I encountered glamourpuss, Dave Sim’s attempt at writing a history of photorealism in US newspaper comics. Well-nigh remarkable is Sim’s artistic approach: A crude mix of autoethnography, archival investigation, and wild speculation. Sim is fully devoted to his subject. Instead of retracing the development of photorealism from an objective point of view, he identifies himself with historical protagonists – above all Alex Raymond –. With strong conviction he elaborates on the psychology of his actors. He empathizes with these cartoonist, but the medium of his empathy is artistic in nature: He draws. By „copying“ comic strips, Sim internalizes Raymond’s drawing style and reaches a high point of draftsmanship. Otherwise marred by many flaws, glamourpuss thus exemplifies the potentials of artistic research. Sim’s understanding of photorealism depends on his practical expertise. This sets glamourpuss apart from Scott McCloud’s Understanding Comics. McCloud’s pictures are illustrative in nature, while the drawing process itself isn’t reflected upon.

The results of artistic expression are highly contingent. Artists follow very individualized strategies to arrive at their final product. This applies even to works that are similar in appearance. The development of an artwork might be reflected in the piece itself, but isn’t necessarily transparent for the spectator. Artistic research, like that of Sim, then is contingent on two accounts: First, there’s the contingency of the artistic process which resulted in the photorealistic comic strips Sim investigates. Second, contingency is a feature of Sim’s own artistic process of copying photorealistic comics. Therefore it wouldn’t suffice to just compare Sim’s work with that of Raymond to better understand photorealistic comics. Here lies a problem well known to ethnographically working sociologists: “Als neues Wissen können nur Beschreibungen gelten, die einen Unterschied machen zu vorhandenen Selbstbeschreibungen. In der qualitativen Forschung handelt es sich oft um eine Übersetzung von praktischem Wissen in empirisches Wissen – von Könnerschaft in Kennerschaft” (Hirschauer 2008: 176).

While Sim’s drawings, first and foremost, describe themselves („vorhandene Selbstbeschreibungen“), glamourpuss also resorts to the written word. Its text comments on the art and explicates the relationship to Alex Raymond’s technique („Übersetzung von praktischem Wissen in empirisches Wissen“). Luckily, comics as a medium are ideally suited to combine words with pictures.

Hirschauer, Stefan 2008: „Die Empiriegeladenheit von Theorien und der Erfindungsreichtum der Praxis,“ in: Kalthoff, Herbert / Hirschauer, Stefan / Lindemann, Gesa (Ed.): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 165-187.

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