Nichts ist, nirgendwo

Zurück aus dem Urlaub, fand ich diese Bücher in der Post:

Brückenbauer

Der Essayband Die Brückenbauer ist hervorgegangen aus dem gleichnamigen Wettbewerb, der junge deutsche Autor_innen, „die durch ihre Verwandten einen Bezug zu den ost- und südosteuropäischen Regionen haben“, aufforderte, „historische und aktuelle Konzepte von Heimat“ anhand der eigenen Biografie zu reflektieren. Die biedere Ansprache, „Sind auch Sie ein Brückenbauer?“, legte nahe, dass vor allem positive Integrationsleistungen referiert werden sollten.

Ich hatte noch keine Gelegenheit, die Arbeiten der Kolleg_innen zu lesen. Ich weiß deshalb nicht, wie viele von uns gegen die vorgezeichnete, sicherlich gut gemeinte „positive“ Vereinnahmung unserer Biografien opponierten. Ich entschied mich jedenfalls, gegen die Idee zu argumentieren, dass „Nationen“ oder „Völker“ durch familiäre Migrationserfahrungen zusammenwachsen müssen. Stattdessen wollte ich über persönliche und kulturelle Entfremdung innerhalb von Familien schreiben:

Jedes Jahr besuchten wir meine Oma, doch ich hatte ihr nichts zu sagen. Wir sprachen nicht miteinander – ich kannte ja kein Polnisch –, sodass da nichts war, durch das wir zueinander fanden: »[S]ocial life is permeated by language at every level. […] The relationship between language and social life is thus a mutually constitutive one. Without language, there could be no social life, at least as we human beings live it.« Niemand verstand dies besser als meine Großmutter: Dass ich kein Pole war, und sie nicht deutsch. Wir kannten uns nicht und lebten unsere Leben getrennt.“*

Für mich gewann der Text zusätzliche Bedeutung, weil meine Großmutter mit seiner Fertigstellung verstorben ist. Ihr Ableben bewegte mich dazu, das Geschriebene sorgfältig zu überdenken. Der überarbeitete Text stimmt nurmehr grob mit der ersten Fassung überein. Meine Gedanken, so hoffe ich, treten dafür umso klarer hervor.

Nichts ist, nirgendwo, in: Ingeborg Szöllösi (Hg.): Die Brückenbauer. Junge Deutsche zwischen zwei Kulturen, Berlin: Metropol, 152 S., 16,00 Euro

* Das englische Zitat stammt aus David Francis & Steven Hesters‘ Invitation to Ethnomethodology

Last week, I found these in the mail:

Brückenbauer

Die Brückenbauer is an anthology of essays written for a contest of the same name. Young German authors with relations to Eastern and South-Eastern Europe were invited to write about historical and contemporary concepts of home. The organizers explicitly called for an autobiographic approach, while their address, „Sind auch Sie ein Brückenbauer? [Are you a bridgebuilder, too?],“ implied, that they were exclusively interested in examples of people living successfully between and within different cultures.

I’m looking forward to read my colleagues‘ papers, but haven’t had the time yet to browse through the book. Therefore I don’t know how many of us tried to oppose the certainly well-meant co-option of our biographies. I myself decided to argue against the notion, that „nations“ or „peoples“ must necessarily grow closer through individual experiences of family migration. I wanted to show the alienation between relatives and from cultural heritage, as it can occur in families, too:

„Jedes Jahr besuchten wir meine Oma, doch ich hatte ihr nichts zu sagen. Wir sprachen nicht miteinander – ich kannte ja kein Polnisch –, sodass da nichts war, durch das wir zueinander fanden: »[S]ocial life is permeated by language at every level. […] The relationship between language and social life is thus a mutually constitutive one. Without language, there could be no social life, at least as we human beings live it.« Niemand verstand dies besser als meine Großmutter: Dass ich kein Pole war, und sie nicht deutsch. Wir kannten uns nicht und lebten unsere Leben getrennt.“*

The essay became especially meaningful to me when my grandmother, about whom I talk in the text, died right upon completion of the first draft. Her death motivated a careful evaluation of what I’ve written. Subsequent versions were only vaguely similar to my first attempt. Through my revisions, though, I came to a better understanding of what I wanted to talk about, and what the things I discuss mean to me, personally, beyond the intellectual exercise.

Nichts ist, nirgendwo, in: Ingeborg Szöllösi (Hg.): Die Brückenbauer. Junge Deutsche zwischen zwei Kulturen, Berlin: Metropol, 152 pages, 16,00 Euro

* Here I quote from David Francis & Steven Hesters‘ Invitation to Ethnomethodology.

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