Ausgegrenzt im weißen All

cover_closure_03Closure. Kieler e-journal für Comicforschung hat zwei meiner Rezensionen veröffentlicht. Eine davon betrifft Weltraumkrümel, Craig Thompsons erste Graphic Novel für Kinder. Gelungen ist ihm ein unterhaltsames Abenteuer, augenscheinlich bemüht, eine große Leser_innenschaft anzusprechen: Kinder sollen sich für die tapfere Heldin Violet begeistern; erwachsene Leser_innen können anerkennen, wie viel Sozialkritik Thompson in seinem Comic formuliert. Doch mein Enthusiasmus für die charmante Geschichte wich bald der Enttäuschung und sogar Wut. So schrieb ich in einer frühen Version:

„[R]egelrecht erbost bin ich darüber, dass der US-Amerikaner Thompson in Weltraumkrümel einen dezidiert weißen Kosmos entwirft. Thompsons Weltraum ist »voller liebenswerter Figuren« (Reprodukt), darunter jedoch keine einzige Person of color. Thompson bemüht sich um eine gleichberechtigte Ansprache von Jung und Alt nur insofern, als sie einer weißen Zielgruppe angehören. Zwar gibt es neben den weißen Held_innen jede Menge »verrückter Aliens« (ebd.). Wenn diese aber metaphorisch für ethnische Minderheiten stehen sollen, dann fällt Weltraumkrümel noch hinter den Science Fiction-Comic der 1970er Jahre zurück. Im berühmten Green Lantern 76 konfrontieren Denny O’Neil & Neal Adams ihren Weltraumhelden mit einem obdachlosen Afroamerikaner:

»I BEEN READIN‘ ABOUT YOU… HOW YOU WORK FOR THE BLUE SKINS… AND HOW ON A PLANET SOMEPLACE YOU HELPED OUT THE ORANGE SKINS… / …AND YOU DONE CONSIDERABLE FOR THE PURPLE SKINS! ONLY THERE’S SKINS YOU NEVER BOTHERED WITH – !« (O’Neil / Adams, 1992: 6)

Es sind dieselben »Skins«, für die auch Weltraumkrümel keinen Raum findet: »… THE BLACK SKINS!« (ebd.). Und auch Thompson sollte sich fragen lassen: »HOW COME?!« (ebd.).“

Das zweite Buch, welches ich besprechen durfte, ist Chester Browns Mary Wept Over the Feet of Jesus. Mary Wept ist eine Sammlung kleiner Bibeladaptionen, die letztlich daran scheitern, dass Browns Lesart der Bibel sich in wenigen, starken Thesen erschöpft:

„Gott verachtet die Gesetzestreuen. Hier könnte sich der Kreis zur Prostitution schließen, zeigt Mary Wept Sexarbeit doch als aktiven Widerstand gegen Recht und Ordnung. Allerdings müssen Leser_innen diesen Bezug selber herstellen. Denn Brown erklärt am Ende noch, was es seiner Meinung nach mit Prostitution in der Bibel auf sich hat: »All the evidence indicates that Jesus’s mother was a whore« (146).“

Illustration © Sandro Esquivel


Two reviews I wrote for closure. Kieler e-journal für Comicforschung went online a few days ago. First there is Space Dumplins by Craig Thompson, which Reprodukt published as Weltraumkrümel in Germany. Space Dumplins is comics auteur Craig Thompson’s first attempt at children’s literature, and a highly  entertaining read; a sci-fi adventure seemingly committed to the inclusion of as big an audience as possible: Children are supposed to identify with Violet, Thompson’s brave girl-hero. And grown-ups can recognize just how much social criticism the author works into his story. But my initial enthusiasm quickly gave room to doubts, which I voiced somewhat angrily in an early draft:

„[R]egelrecht erbost bin ich darüber, dass der US-Amerikaner Thompson in Weltraumkrümel einen dezidiert weißen Kosmos entwirft. Thompsons Weltraum ist »voller liebenswerter Figuren« (Reprodukt), darunter jedoch keine einzige Person of color. Thompson bemüht sich um eine gleichberechtigte Ansprache von Jung und Alt nur insofern, als sie einer weißen Zielgruppe angehören. Zwar gibt es neben den weißen Held_innen jede Menge »verrückter Aliens« (ebd.). Wenn diese aber metaphorisch für ethnische Minderheiten stehen sollen, dann fällt Weltraumkrümel noch hinter den Science Fiction-Comic der 1970er Jahre zurück. Im berühmten Green Lantern 76 konfrontieren Denny O’Neil & Neal Adams ihren Weltraumhelden mit einem obdachlosen Afroamerikaner:

»I BEEN READIN’ ABOUT YOU… HOW YOU WORK FOR THE BLUE SKINS… AND HOW ON A PLANET SOMEPLACE YOU HELPED OUT THE ORANGE SKINS… / …AND YOU DONE CONSIDERABLE FOR THE PURPLE SKINS! ONLY THERE’S SKINS YOU NEVER BOTHERED WITH – !« (O’Neil / Adams, 1992: 6)

Es sind dieselben »Skins«, für die auch Weltraumkrümel keinen Raum findet: »… THE BLACK SKINS!« (ebd.). Und auch Thompson sollte sich fragen lassen: »HOW COME?!« (ebd.).“

I find this question to be especially important in light of Thompson’s previous work. Habibi, too, has been criticized for its careless, rather problematic take on race, culture, and other.

Very carefully produced is Mary Wept Over the Feet of Jesus by Chester Brown, the second book I was invited to weigh in on for closure. Brown’s is a fine piece of comics art, that, unfortunately, fails its readers, too, in the end. That’s because Mary Wept gathers together many intriguing pieces, that promise but never manage to come together as more than the sum of their parts – these parts being Brown’s ultimately narrow readings of the bible –:

„Gott verachtet die Gesetzestreuen. Hier könnte sich der Kreis zur Prostitution schließen, zeigt Mary Wept Sexarbeit doch als aktiven Widerstand gegen Recht und Ordnung. Allerdings müssen Leser_innen diesen Bezug selber herstellen. Denn Brown erklärt am Ende noch, was es seiner Meinung nach mit Prostitution in der Bibel auf sich hat: »All the evidence indicates that Jesus’s mother was a whore« (146).“

Illustration © Sandro Esquivel

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