[DieKonstruktion.DesKünstlers…]

…als Rekonstruktion „verschwundener“ Zeichnungen.
Dave Sims glamourpus

An der Oberfläche stellt sich die seit 2008 publizierte Heftserie glamourpuss von Dave Sim als bissige Parodie auf Modemagazin-Ästhetik und das darin kolportierte, reaktionäre Frauenbild dar. Dem gegenüber stellt Sim jedoch einen fortlaufenden Essay über die Geschichte des Fotorealismus im amerikanischen Zeitungscomic, der mit Zeichnungen des einflussreichen Flash Gordon-Erfinders Alex Raymond illustriert wird. Jedoch: Es handelt sich hierbei nicht um Originalabbildungen, sondern ausschließlich um von Sim selbst gezeichnete Rekonstruktionen von verschollenen Blättern, welche damaligen Verlagskonventionen gemäß nicht professionell archiviert worden sind.

Dave Sim, seit den 1990er Jahren als unbelehrbarer Frauenhasser verrufen und persona non grata der amerikanischen Comic-Szene, nimmt in glamourpuss eine Scheidung vor, von seinem misogynen Image und dem handwerkliche Exzellenz realisierenden Künstler. Dies gelingt ihm zum Einen über die Einführung mehrerer personaler Erzählstimmen, die den Leser durch den Comic führen, vor allem aber durch die Rekonstruktion der fotorealistischen Zeichnungen Raymonds, in denen Sim als künstlerisch-intentionaler Urheber zurücktritt, um in der „Restauration“ heute weitgehend unzugänglicher Werke als technisch meisterhafter Bildarcheologe zu erscheinen. Aus der Beschäftigung mit Raymonds Arbeiten kann Sim nicht umhin, über die Künstler-Rolle des Zeichners zu reflektieren und sich schlussendlich seine eigene Postion zu erarbeiten.

Als Dave Sims Hauptwerk gilt unbestritten Cerebus, eine 6.000 Seiten umfassende und von 1977-2004 serialisiert erschienene grafische Erzählung. In ihren ersten Jahren vornehmlich als Parodie auf die Pulp-Figur Conan der Barbar gemeint, entwickelt Sim – in Zusammenarbeit mit seinem Hintergrundzeichner Gerhard – Cerebus bald zu einer textgewaltigen Betrachtung gesellschaftlicher Verhältnisse. Als Autor scheut Sim dabei weder inhaltlich anspruchsvolle noch kontroverse Themen, beschäftigt sich mit dem Verhältnis säkularer Staaten zu ihrer Religion, zeichnet den Aufstieg seines Akteurs vom Hinterwäldler zum Popstar, zum Politiker, und zurück. Nachhaltig beschädigen aber musste Sim sich mit dem Kapitel Mothers & Daughters, das in Verkennung emanzipatorischer Neuordnungstendenzen der gesellschaftlich „normalen“ Geschlechterrollen Thesen zu „natürlichen“ Geschlechtscharakteren formuliert und Frauen als geistig mindervermögende, über Triebsteuerung Männer manipulierende Intrigantinnen abbildet. Anstatt die sich daran entzündende Kontroverse mit Verweis darauf zu entkräften, es handele sich nicht um die private Meinung des Autors, sondern um fiktionale Figuren, die solche unfraglich rückwärtsgewandten Standpunkte vertreten, reagiert Sim empfindlich, bejaht alle gegen ihn vorgebrachte Kritik emphatisch, stilisiert sich zum männlich-heroischen Aufklärer und schreckt selbst davor nicht zurück, vormals befreundete Kollegen öffentlich zu diffamieren. Sims guter Ruf ist in der Folge unwiderruflich verspielt.

Nach der Makroerzählung Cerebus hat Sim eigenen Angaben nach nur noch ein Karreriereziel vor Augen: „Cute teenaged girls in my best Al Williamson photo-realism style“; und weiter: „If I think of anything story-wise (which isn’t likely to happen), I’ll let you know“. glamourpuss stellt das Produkt dieser Erwägungen dar, transzendiert die vorformulierten Ansprüche seines Autors aber auf mehrfacher Ebene. Die „cute teen-aged girls“ ersetzt Sim durch Zeichnungen nach Modemagazinen und -katalogen. Detailreich und mit erstaunlichem Verständnis für die Beschaffenheit von Stoffen und Texturen bringt Sim die wirkmächtigen Bildvorlagen zur Darstellung, an denen die restriktiven westlichen Schönheitsideale sich ausbilden. Die offensichtlich intensive Beschäftigung des Antifeministen Sim mit diesem Frauen hochgradig verobjektivierenden Bildgut wirft dabei unvermeidlich die Frage nach dem Standpunkt des Autors zu seinem Gegenstand auf. Einer Antwort entzieht Sim sich jedoch in doppelter Hinsicht: Zum Einen ist es nicht Sim, der den die Bilder begleitenden Text erzählt. Dieser Text, der sich des ernsthaften und egozentrischen – hier jedoch nicht unfreiwillig komischen – Tones seiner Zeichenvorlagen bedient, um die Oberflächlichkeit der Bildinhalte und die vermeintliche Dummheit der Konsumgesellschaft überspitzt auszuagieren, wird dem Leser vorgetragen von einer sich selbst in der dritten Person ansprechenden „glamourpuss“. glamourpuss weist sich dabei als aus drei Entitäten bestehende „Person“ aus: glamourpuss ist ebenfalls ein Modemagazin, ein Artefakt, in dem gelesen wird; sie ist außerdem die Redaktion, die Inhalte generiert und aufarbeitet; zuletzt wird auch jede der abgebildeten Frauen als glamourpuss bezeichnet. Damit erhebt Sim die Vergegenständlichung der Frau zu einem gesellschaftlichen Symptom: glamourpuss, das ist die conditio sine qua non des Frauseins. Die Frauen sind nunmehr nicht nur Opfer einer misogynen Ideologiemaschine, sondern auch Mittäter im Produktionsprozess der propagandistischen Bilder. Modemagazine und ihre Ideale transportieren fernerhin keine Meinungen, keine Stiloptionen und Lebens- sowie Lifestyle-Entwürfe; sie werden als ein ebenso krank- wie lachhaft klassifizierter Zustand ein- und dem Leser vorgeführt und somit als devianter Habitus bloßgestellt.

Zum Zweiten entzieht Sim als Privatperson sich den frauenfeindlichen Positionen der „Modestrecken“, indem er die glamourpuss-Persona darüber Auskunft geben lässt, wer eigentlich die Zeichnungen entwirft (denn glamourpuss ist sich dessen bewusst, dass sie ein defizitäres, weil nicht mit Fotografien bebildertes Modemagazin ist): Ein gewisser „David Slim“. David Slim, der nie selbst spricht, aber als ausführender Künstler von glamourpuss immer wieder benannt wird, dient Sim dazu, den Ruch der Misogynie von sich zu weisen, in den fiktionalen Zeichner auszulagern, sodass er frei von dem Ballast seiner schlechten Reputation sich lösen kann von seinem Gegenstand, „cute teenaged girls“, um sich Erörterungen der reinen techne, des Zeichenhandwerks zuzuwenden.

Schließlich in den Essay-Passagen des Comics, die sich in unregelmäßigem Rhythmus mit der Modesatire abwechseln, ist es Dave Sim, der als Erste-Person-Erzähler zu Wort kommt. Er nimmt dabei die Position des Schülers ein, der – immerhin selbst eine Ikone des Independent Comics – vor den Größen des fotorealistischen Zeitungsstrips den Hut zieht. Wie nebenbei rekapituliert Sim die Geschichte des Zeitungscomics und die Genese des distinktiven Stils Alex Raymonds, während er dessen Zeichnungen kopiert. Als Vorlagen dienen ihm hier fremdsprachige Sammelbände von Raymonds Arbeiten, die ihrer sehr schlechten Abbildungsqualität wegen das Genie ihres Urhebers verkennen lassen und Sim dazu zwingen, sich in Raymond selbst hineinzuversetzen, um dessen ursprünglichen Kompositions- und Ausführungsentscheidungen nachzuvollziehen. In der Folge kann es Sim nicht darum gehen, die Comicbilder so nachzuzeichnen wie sie wirklich gewesen sind, sondern wie der Nachzeichner glaubt, dass sie gewesen sein müssen. In der Offenlegung seiner eigenen Stilentscheidungen, die Sim stets in Abgleich und Synthese mit seinen intellektuellen Analysen als Raymond-Rezipient vornimmt, entpuppt sich Sim als ein vollwertiger Künstlerkollege Raymonds, unterhalten sich doch – will man Heidegger folgen – Künstler stets am Liebsten über Form und Technik der Kunst, unter Vernachlässigung ihres (narrativen) Inhalts.

glamourpuss stellt, so lässt sich sagen, ein einzigartiges Projekt im englischsprachigen Comic dar: Es ist eine kunstvoll inszenierte und mit gesellschaftskritischem Subtext unterfütterte Aufarbeitung des öffentlichen Ansehens seines Autors; es ist ein einzigigartiges archivarisches Projekt, das vorgibt, die Zeichnugnen Alex Raymonds erstmals in ihrer „Ursprungsfassung“ zugänglich und in seinem Entstehungskontext verstehbar zu machen. Und glamourpuss ist der unprätentiöse Versuch Sims, über den empathischen Zugang zum Werk eines von ihm verehrten Künstlers die eigene künstlerische Reifwerdung zu performieren.

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