[L’ArtBrutPréféré.Aux…]


…arts culturels, heißt Jean Dubuffets programmatischer Essay, der die vermeintlich authentische Kunst von geistig Kranken in Opposition stellt zu der kulturell korrumpierten Kunst des institutionaliserten Mainstreams. Dabei werden die Brut Artists nicht durch ihre spezifische Pathologie ermächtigt, auf die reine Kreativität zuzugreifen – es gäbe keine Kunst der Wahnsinnigen, sowenig wie eine von Menschen mit gebrochenem Bein oder Magenleiden, belehrt uns Dubuffet – sondern weil sie durch ihre Internierung in Anstalten dem Zugriff der hegemonialen  Kultur entzogen und auf ihre innere, schöpferische Fantasie zurückgeworfen sind. Soweit ich das überblicken kann, ist das historisch (und mehr noch soziologisch) zweifelhaft, ideologisch ist es in jedem Fall, nicht weniger wirkmächtig aber bis in die heutige Zeit.

Vor einigen Wochen hat einer meiner Professoren Kunst definiert als eine Verdichtung historisch kontingenter Codes, die als symbolische Matrix Bezugnahmen auf die aktuellen Zustände der Welt zulassen. (So zumidnest habe ich ihn verstanden. Ich bitte zu entschuldigen, sollte meine Wiedergabe die eigentliche Intention besagten Professors falsch abbilden. Der Fehler läge in diesem Fall bei mir). Dies erscheint mir tatsächlich eine sehr brauchbare Annäherung an das Wesen von Kunst, die den künstlerischen Urheber als Agenten eines bewussten Aussagegehalts stark macht.
Eine zweite mir teuere Definition nach Platon lautet: (Wiederum meine eigenen Worte) Kunst ist das in handwerklicher Exzellenz (Beherrschung der techne) ausgeführte Objekt, dass mit dem Anspruch, Träger von Bedeutung zu sein, in den öffentlichen Raum (Diskurs) gestellt wird. Die Bedeutung selbst muss hierbei keineswegs selbstevident sein, noch muss der Künstler darüber Auskunft geben. Die Behauptung von Bedeutung allein als eine Art performativer Akt (Das Aufstellen im öffentlichen Raum / Einführen in den Diskurs) genüge. In meinen Augen stellt Platons Bestimmung somit eine elaborierte Variante des „Kunst ist was sich Kunst nennt“-Postulats dar.

Wie aber kann es sich verhalten mit Art Brut als Kunst, mit Brut Artists als Künstlern? Jüngst äußerte mein Professor einige Zweifel daran, ob (zumindest das Gros an) Art Brut überhaupt als Kunst bezeichnet werden darf. Er vertritt eine naheliegende Gegenposition zur euphorischen Ausdrucksutopie, auf die Dubuffet, Roger Cardinal oder die Adepten des Psychiaters Leo Navratil sich eingeschworen haben. Mag auch ein zuweilen beträchtliches gestalterisches Vermögen in vielen Werken geistig Kranker zum Ausdruck kommen, könne von einer bewussten Zeichenverdichutng durch Brut Artists oftmals keine Rede sein. Der unlängst in der Frankfurter Schirn ausgestellten Judith Scott etwa attestiert John MacGregor (im zur Ausstellung gehörigen Katalog), keinerlei Bewusstsein dafür zu haben, dass sie Kunst verfertige. Sind die gestalterischen Entscheidungen, die Scott im Prozess der Werkgenese trifft, reflektierte ästhetische Operationen im Lichte verfügbarer Darstellungsalternativen? Oder sind es motorische, habituelle Entscheidungen, die, wie über sie gekommen, nur schwerlich als Codierungsprozess nachvollziehbar sind? Nimmt man MacGregor ernst, muss man zu Letzterem tendieren.
Vielfach hingewiesen wird auch darauf, dass im Rahmen von Gestaltungs- und Kunsttherapien zunehmend eine Steuerung des kreativen Ausdrucks von Patienten durch die Anleitung und Einflussnahme von Betreuern und Ärzten  zu Beobachten ist. Und ebendiese Ärzte waren und sind es bis heute, die diese Kunst der Öffentlichkeit zugänglich machen; sie sind aktive Akteure in der Produktion und Zurschaustellung von Art Brut. Man muss fragen dürfen, wie authentisch der künstlerische Ausdruck des Patientenkünstlers ist, dessen (ich spitze zu) Hand durch den Arzt geführt wird.
Auch unserer platonischen Definition nach kann es sich in solchen Fällen kaum um Künstler und Kunst handeln; es sind der Arzt bzw. die Institution, die die diskursive Öffentlichkeit mit den Werken ihrer Patienten suchen. Es nennt sich eben nicht die Art Brut „Kunst“, sondern interessengeleitete Institutionen, weiterhin die Akteure des Kunstmarkts. Judith Scott, wie viele andere Brut Artists mit schwersten psychopathologischen Symptomen oder geistigen Behinderungen, kann sich wahrscheinlich gar nicht darüber bewusst sein, dass es eine diskursive Öffentlichkeit für ihre Arbeiten gibt. (Dass es soetwas wie eine diskursive Öffentlichkeit überhaupt gibt, wie ich vermute).

Damit ist die Sache aber keineswegs befriedigend zu Ende gedacht. Man muss gar nicht – sollte aber sehr wohl! – bis zu (post)strukturalistischen und Lacanianischen Ideen eines unsere Lebenswelt definierenden und in und durch uns hindurch wirkenden Symbolkontinuums zurückgehen, um sich zu vergegenwärtigen, wie unzulänglich Vorstellungen einer vollkommenen Abgeschlossenheit menschlicher Individuen gegen ihren sozialen Kontext sind. Foucault macht unter anderem Anstalten zu den paradigmatischen Umwelten, die sich dem Menschen disziplinierend einschreiben, sein ganzes Handeln zum Ausdruck aufgeprägter Lebensbedingungen machen. In diesem Sinne werden die allermeisten Brut Artists niemals in vollstänidger Isolation von gesellschaftlichen Umständen existieren können – zumal nicht im Zeitalter von medikamentöser Bewusstseinsmanipulation und medialer Vernetzung von sozialer Außen- und Anstaltsinnenwelt. Auch der Umgang mit Ärzten, Pflege- und Betreuungspersonal als die Agenten gesellschaftlicher Normalität, bedeutet nichts anderes, als die Internierten in ein unhintergehbares Verhältnis zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu setzen. Und dann doch auch Lacan: Sollten wir akzeptieren das (symbolische) Strukturen (Ordnung) durch uns sprechen – und kann es für die Bedeutung von Kunstwerken nicht gerade deshalb egal sein, was der Künstler uns damit sagen will? – ist dann nicht auch egal, wie bewusst oder unbewusst der Brut Artist seine Werke produziert?
Ich bin durchaus nicht sicher, ob ich um meine Begierden wissen muss, damit sie mein Verhalten determinieren können.

Letztlich noch zum Brut Artist als Marionette der ärztlichen Steuerung: Allein der Umstand, dass der Patient bei der bildnerischen Produktion Anleitung erfährt, schließt nicht aus, dass er Kunst herstellt – wiewohl wir ihn vielleicht nichtmehr als Künstler würden ansehen wollen. Ai Weiwei wird seine Sunflower Seeds nicht eigenhändig hergestellt haben. Freilich wird seine Hand weniger geführt, als dass er diejenigen der ihm zuarbeitenden Handwerker lenkt, aber es ist doch offensichtlich, dass Kunst nichtmehr (wenn überhaupt jemals) entsteht, wo einer allein Urheber von Einem wird. Die Zahl der mtiwirkenden Hersteller sagt über den Kunstcharakter eines Objektes nichts aus. Allerdings werden wir fragen müssen, ob in der Konsequenz nicht der Arzt oder die Anstalt der Künstler hinter der Art Brut ist, und die Rolle des Brut Artists die eines vorformulierten (disziplinierenden) Instruktionen folgenden Handwerkers ist.
Keine der an dieser Stelle gestellten Fragen ist rhetorisch gemeint. Jede einzelne Ausdruck einer gewissen Orientierungslosigkeit auf dem Feld der Kunst im Allgemeinen, der Art Brut im Speziellen.

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