[AlsSuperdichte.Erzählungen…]

…möchte ich die narrative Ausdrucksform begreifen, die der amerikanische Samstag-Vormittag-Zeichentrickfilm in Form seines Vorspanns hervorgebracht hat. Es handelt sich beim Zeichentrickvorpsann der späten 1980er und frühen 90er um erstaunliche Kunstwerke, die in weniger als 3 Minuten ihren eigentlichen, häufig unterkomplexen Hauptfilm bei weitem überragen: An Tiefe in der Charakterdartsellung; an Bedeutungsdichte; an narrativer Dynamik vermittels elaborierter Musik-Bild-Collagen.

 


Die ausgezeichneten Vertreter des Zeichentrickvorspanns als superdichte Erzählung sind die Intros zu BraveStarr und Saber Rider and the Star Sheriffs . Ersteres als eine Kindern kaum zumutbare Zvilisationsdystopie; Letzteres als überbeschleunigtes Lustmoment, dessen marginaler Inhalt vollständig in der durchstilisierten Bilderchoreografie auf- und vergeht. Zunächst aber möchte ich meine Aufmerksamkeit dem Vorspann zu Defenders of the Earth widmen, das die Zeitungscomic-Helden des King Features-Vertriebs in Gestalt eines modernen Superhelden-Teams  versammelt. Sinniger Weise stammen die Lyrics zu dieser „Helden, vom Schicksal zusammengeführt“-Geschichte von eben dem Mann, der diese Erzählformel für den amerikanischen Mainstream-Comic popularisiert hat: Stan „The Man“ Lee.

Wenig überraschend steht für Lee der Charakter seiner Protagonisten im Vordergrund; bereits in den 60er Jahren war es Lee, der den Superheldencomic mit der Idee zu revolutionieren suchte, Superkräfte müssten ihr Gegengewicht in privaten Superproblemen finden, damit die Figuren dem Leser als Identifikationsangebot annehmbar würden. Die als ein „call to arms“ zu lesende Anrufung „Defenders of the Earth! Defenders!“ erinnert nicht zufällig an Stan Lees und Jack Kirbys „Avengers Assemble!“, dem Schlachtruf von Marvels „Earth’s Mightiest Heroes“. Sogleich aber wechselt der Vorspann in den Erzählmodus, der typisch ist für den vormodernen Stil der Justice League of America: Zwar kämpfte diese Gruppe immer gegen einen gemeinsamen Feind, doch hatte jeder Held seine partikulare Mission alleine zu Erfüllen, bevor die Helden sich am Ende der Geschichte trafen, um die Bedrohung gemeinsam abzuwenden. So stellt Defenders seine Hauptcharaktere portraitartig mit ihren spezialisierten Superfertigkeiten dar, immer wieder unterbrochen durch das sich zum Programm verstetigende „Defenders of the Earth! Defenders.“.
Die wie elektrisch entladene Eröffnung ist gleichsam Fanal für eine kraftvolle, wiewohl nicht immer souveräne Gesangsstimme. Mit hohem Stimmeinsatz bedeutet der Erzähler uns in den Himmel zu blicken, wo explosionsartig Flash Gordon erscheint – der in den Kampf eilende Kriegertypus, stets dahin unterwegs, wo er gebraucht wird. Doch beißen sich Bild und Text bereits in diesem Auftakt, denn visualisiert sehen wir ein unter Beschuss stehendes Raumschiff, begriffen in der Flucht. Dieser offene Widerspruch wird von den Machern billigend in kauf genommen, weil er die Selbstverortung des Betrachters erlaubt: Mitten im Geschehen. Unzweifelhaft haben die feindlichen Laserprojektile ihren Ursprung hinter der Kamera, der Zuschauer befindet sich mitten in der Aktion,  zwischen heranrasender Gefahr und dem Protagonisten Flash. Zugleich wird dem Betrachter die Identifikation mit Flash geradezu aufgezwungen, denn Bewegungs- und Blickrichtung sind identisch.
Nach der aktionistischen Overture demonstriert Lees Text eine an Freestyle-Rap gemahnende Zitierfreude: „Lord of the jungle / the hero who stalks / the beasts call him brother“ wirken wie die direkt aus den Seiten von The Phantom gechnittenen, grellen Lettern, die kraftvoll hintereinander gereiht kulminieren im bekannten Alter Ego des Phantoms: „The Ghost who walks“ deutet die Gesangsstimme sich zu überschlagen an, changierend zwischen engelhafter Annunziation und ehrfürchtigem Erschrecken vor diesem mystischen Natur-Monarchen.
Die rasche Aufeinanderfolge dieser Charakter-Vignetten wird jäh entschleunigt durch musikalischen Rhytmuswechsel und die Zurücknahme der Stimme, die eine entkörperlichte Qualität des Illunsionisten Mandrake the Magician abzugrenzen versucht gegen den Athletik und physischen Vorwärtsdrang evozierenden ersten Liedteil. Krass nimmt sich im unmittelbaren Anschluss das „Defenders!“ aus; wie hektisch dazwischen gebellt, weil der nächste Heroe unaufhaltsam – naturgewaltig gar – ins Bild drängt. Können wir in Flash Gordon den soldatischen Abenteuerer und in The Phantom den totemistischen Protosuperhelden erkennen, wird uns Lothar als der Science Heroe der Pulp Romane vorgestellt: „His strength is a legend / his skills conquer all“, ist er die Synthese aus urwüchsiger Kraft und der kultivierten Verfeinerung menschlichen Talents. Mehr noch, Lothar ist das  politisch emanzipierte Gegenbild zu der latent rassistischen Figur Doc Savage, Man of Bronze. Bei Doc Savage handelt es sich um eine der in Schundromanen häufig kolportierten, durch oberflächliche Nietzsche-Lektüre angeregten Übermenschfantasien, das Model eines psychisch und physisch zur menschlichen Perfektion ausgebildeten Universalgenies. Dieser als weiß imaginierte, vermeintliche Endpunkt menschlicher Überformung wird nunmehr dargestellt als Afroamerikaner, der sich zudem aus dem Diener-Herr-Verhältnis zu Mandrake befreit hat, das in den Comic-Vorlagen noch zu gewahren war.

Genialisch letztlich ist die Wendung, die Lee am Schluss vornimmt, um die Helden zusammenzuführen. Es sind nicht die außerweltlichen Bedrohungen, die für sich allein kein Held handhaben kann, durch die diese Menschen zu einer Gruppe im Sinne der Justice League oder der ebenfalls veralteten Justice Society of America geeinigt werden. Diese Helden stehen zusammen nicht als Gesellschaft (Society), sondern als Gemeinschaft. Während die alten Helden entrückte, gottgleiche Heilsbringer waren, modernisierte Lee mit seinen Marvel Comics das Genre, indem er einen Bezug zum Privatleben und darin den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Protagonisten herstellt. So geschieht es auch mit den Defenders, die erst mit dem Auftreten der „our new young heroes“ vollständig sind: „Four become eight, defending the Earth“. Die Defenders sind keine Katastrophen verhütende Eingreiftruppe, sie sind eine familiäre Einheit. Die Heldenrolle wird von der Berufung zum Lebensstil, weshalb es keine letzendliche Bedrohung braucht, um die Superhelden zu vereinen. Ich bin versucht, darin eine warmherzige, zukunftsoptimistische Wendung des überalteten Typus zu erkennen.

Demnächst:
Sprezzatura und der stilbedachte Sitl in Saber Rider and the Star Sheriffs.
Das unheimliche Gesetz in BraveStarr.
Und: Die Ernüchterung des Kinderfilms in Galaxy Rangers.

 

Die Rechte an „Defenders of the Earth“ und aller darin auftretenden Figuren liegen bei King Features Syndicate.

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