[Matt.SenecaDoesNo.WrongBy…]

…not Paying for It, nichtsdesto weniger bleibe ich zwiegespalten – vielleicht nur ratlos – zurück nach der Lektüre seines hellsichtigen Essays. [Senecas Stück ist in der Tat einer der klügsten Beiträge zur Diskussion über die fortwährende sozio-ökonomische Unterdrückung von Frauen, die zu lesen ich in jüngster Zeit das (Miss-)Vergnügen hatte.] Mein Problem ist, dass ich Seneca unumwunden zustimmen muss, dass Chester Browns Comic die dargestellten Frauen tatsächlich auf ein Neues ausbeutet.

Auf der anderen Seite – und hier setzen meine Zweifel an – müssen gerade die gesellschaftlich drängenden Fragen in einem umfangreichen sozio-politischen Diskurs ausgehandelt werden, auch unter Berücksichtigung etwaiger – zumal begründeter – Gegenargumente. Einer meiner Philosophie-Professoren insistiert regelmäßig, dass gerade die an Erkenntnis(fortschritt) interessierten nicht die Augen verschließen können vor den Herausforderungen, die sich bieten in der Konfrontation mit entgegengesetzten Evidenzen. Muss nicht auch die eigene, die politische Meinung stets auf ihre Berechtigung hin geprüft werden, indem man sich mit den Positionen des politischen Gegenübers vertraut macht, sich gezielt selbst provoziert, um argumentativ be- oder gestärkt zur eigenen Position (zurück) zu finden?
Umso mehr, da Browns Comic – nicht weniger Kunst als autobiografisch informierte Essayistik – die Bühne des argumentativen Austausches zu suchen scheint, nicht die stumpfe, eine  propangandistische Überredungsstrategie bemüht. Umso mehr, da Browns Text – nicht weniger Welterleben als Innenschau – bereits auf der Bildebene unterlaufen wird. Wenn man Seneca glauben darf – ich glaube Seneca – dann werden Browns Thesen bereits auf der basalen Darstellungsebene ihre Antithesen gegenübergestellt. Quasi eingeschrieben. Seneca selbst will nicht leugnen, dass Browns Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit als Kunstwerk von enormen Rang zu gelten hat. Kann man aber verzichten auf ein solches Kunstwerk, wenn man sich der ernsthaften Selbstprüfung verschrieben hat? Muss man in Kauf nehmen, dass dieser (vermeintlich) wertvolle Diskursbeitrag – wertvoll in seiner radikalen Unangepasstheit und bildhaften Eloquenz – notwendig und unauflöslich verbunden ist mit der Ausbeutung von Frauen? Und stimmt Senecas Unterstellung überhaupt: „He fucks them twice“? [und: fickt er sie dann nicht viermal, zweimal mit seinem Genital/Stift als Sexualorgan, zwei weitere Male als kapitalistisches Unterdrückungsinstrument?] Wenn aber nicht: Muss nicht jeder fundierte Diskursbeitrag gründen in persönlichen Erfahrungen, die im Zweifel wiederum gründen in einem mich selbst befremdenden, mich gar abstoßenden sozialen Handeln, aus dem heraus die Gegenposition erst ihr distinktives Provokationspotential mir gegenüber schöpft?
Vor allem: Wenn Brown mir den zweifellos enormen Dienst erwiese, meine eigene Meinung zu prüfen, hat er dann nicht ein legitimes Anrecht auf die Entlohnung seiner Mühen? Mache ich mich hier bereits mit Brown gemein? Oder ist das der Preis den man Zahlen muss, wenn man das richtige Leben im falschen anstrebt?

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