[DerMann.DerNicht…]

…da war, oder: Das Leben und Lieben der Bilder

Die Realität von Bildern als soziale Akteure. Superhelden-Comics in synthetic situations Teil 1

Zu meiner großen Unfreude ist die bezauberndste Liebeserklärung, die ich bisher zu lesen das Vergnügen hatte, weder an mich adressiert, noch von mir selbst verfasst. Tatsächlich wird sie in überhaupt keiner zwischenmenschlichen Interaktion entäußert, sondern vollzieht sich auf den Seiten von Aetheric Mechanics – von Warren Ellis & Gianluca Pagliarani. Sie vollzieht sich zwischen zwei fiktionalen Figuren, und ihr voraus geht ein Verbrechen:
Der Detektiv Saxmundham Raker wird von der Londoner Polizei mit dem Fall des „Mannes der nicht da war“ betraut. Dieser „Mann der nicht da war“ stünde unter dem dringenden Tatverdacht, eine Reihe intellektueller Kapazitäten auf dem Gebiet der Ätherischen Mechanik, einer fiktionalen Subdisziplin der Physik, ermordet zu haben. Zeugen berichten dabei einhellig, der Täter wäre zugleich da und nicht da gewesen, hätte seine körperliche Integrität ständig verloren und wiedergewonnen, kurzum: er flackerte, gleich einem gestörten Fernsehbild. Ellis & Pagliarani spinnen in der Folge eine unaufgeregte Kriminalgeschichte, unterhaltsam zwar, die sich vor allem aber dadurch auszeichnet, freimütig eine Vielzahl literarischer Vorlagen zu plagiieren. Paradigmatisch hierfür steht die Hauptfigur selbst: Sax Raker ist ein vom Leben gelangweiltes, ständig zugekokstes kriminalistisches Genie, der ein radikales Desinteresse allen Dingen der Welt gegenüber hegt, die nicht unmittelbar der Verbrechensbekämpfung dienen. Raker stellt damit eine Sherlock Holmes-Kopie dar, wie sie – wortwörtlich – im Buche steht; sein Vorname gemahnt zudem an den ähnlich gelagerten Romanhelden Sexton Blake; sein deduktiver Scharfsinn findet in den Methoden von Auguste Dupin sein Vorbild. Der Schauplatz der Handlung, London, ist darüber hinaus ein fantastisches Hybridmilieu, in dem Flugmaschinen und Raumschiffe gemäß einer H.G. Wells und Jules Verne verpflichteten Steam Punk-Ästhetik als Phänomene des gemeinen Alltags eingeführt werden.

In seinen Ermittlungen unterstützt wird Raker bald von Inanna Meyer, einer ausländischen Geheimagentin und seiner Nemesis, sowie seine große Liebe. Jedoch hat er seine Gefühle ihr gegenüber noch nie offenbaren können, waren sich die beiden doch zumeist als Gegenspieler begegnet. Zusammen mit Rakers Assistenten Watcham gelingt es dem Trio schlussendlich, den „Mann der nicht da war“ in seinem Geheimlabor zu stellen, wo er eine futuristische Maschine zu konstruieren im Gange ist. Hier nun fallen die Teile des Ganzen an ihren Platz und die Hintergründe der bizarren Vorkommnisse werden aufgeklärt: Der „Mann der nicht da war“ ist ein Physiker aus dem, aus unserem 21. Jahrhundert. Er war Mitarbeiter bei einem experimentellen Versuch, große Informationsmengen als immaterielle Datenpakete über enorme räumliche Distanz hinweg zu übertragen. Versehentlich – ich spare die Details aus – geriet der einfältige Wissenschaftler dabei in den Übertragungsmechanismus und wird mitsamt der gesammelten Informationen auf seinem Taschencomputer – Groschenheftromane, Zeichentrickfilme, Popmusik – in das Jahr 1905 zurückversetzt. „Matter tells space how to bend and space tells matter how to move“ deduziert Raker im Sinne Albert Einsteins. Analog dem Gedanken, dass physikalisch geschlossenen Systemen Energie weder verloren geht noch zugeführt werden kann, muss die neue Informationsmenge in der Realität „verbaut“ werden, mit ihr fusionieren; außerhalb des Systems verbleiben kann sie nicht. Es ist dies der Grund, warum Raker und seine Welt dem Leser stets wie Klischees der Populärkultur anmuten. Nicht weil Ellis & Pagliarani der schöpferischen Kompetenz entbehren, originelle Charaktere zu konzipieren. Sondern weil ihre Geschichte eben die ist, dass unsere Vergangenheit transformiert worden ist zu einem Hybrid aus historischen Begebenheiten und Fantastereien der Pop-Kultur. Und nun, so der „Mann der nicht da war“, müsse der chimärische Sax Raker ihm helfen, die Dinge zu richten. Es gelte eine Maschine zu bauen, die die uns hier Anwesenden bekannte Wirklichkeit restituiert, indem sie die Dinge der Wirklichkeit und die Dinge der Fantasie wieder ihren angestammten Orten in der Ordnung der Dinge zuweist.

Um zuletzt die in Aussicht gestellte Liebeserklärung nicht zu unterschlagen: Während Meyer und Watcham die Nerven verlieren und ungelenk um Orientierung ringen, was richtiger Weise als nächstes zu tun sei, erschießt Raker den „Mann der nicht da war“ kurzer Hand. Vor seinen fassungslosen Gefährten rechtfertigen kann er sich nur mit den Worten: „I have failed to bear the idea of a world without Inanna Meyer in it“.

Meine Synopsis legt möglicherweise nahe, bei Aetheric Mechanics handele es sich um rührseligen Esoterik-Kitsch. Dem möchte ich entgegen halten, dass Ellis & Pagliaranis Erzählung eine Vielzahl an Intuitionen zu Grunde liegen, die auch den theoretischen Diskurs über das Leben von Bildern informieren. In groben Zügen sind es dieser Intuitionen drei: Bilder sind körperliche Entitäten. Als vollplastische Gebilde der Lebenswelt nehmen sie je diskrete physische Orte in dem Materialkontinuum ein, dass wir als Sozialsphäre wahrnehmen. Solche „Pictures“, der materielle Träger von Bildinhalten, können verstanden werden als Datenpakete, symbolische Informationsverdichtungen, die unablösbar in die Welt der Dinge verbaut worden sind. Georg Simmel hat den Typus des Fremden bekanntlich bestimmt als den desjenigen Menschen, der heute kommt, und morgen bleibt. Ganz ähnlich vielleicht das grundständige Befremden gegenüber Bildern: Einmal – heute – in die Welt gekommen, sind sie morgen nicht mehr daraus zu entfernen.
[Das Bildern eine auratische Bedeutsamkeit in unserem ansonsten profanen Materialkontinuum inne wohne ist eine insbesondere von den Bildwissenschaften intonierte Behauptung, die das Kolloquium ohne vorherige kritische Prüfung zu akzeptieren ungewillt war].
Zum Zweiten, so belehren uns die Bildwissenschaften, haben Bilder ein Begehren, mindestens eine Agenda. Dabei ist es egal, wie „wirklich“ dieses Begehren erscheint. In vollkommener Verachtung seines eigenen Hinein- und Herausflackerns im physikalischen Wahrnehmungsraum, geht der „Mann der nicht da war“ wie selbstverständlich davon aus, dass sein eigenes Bedürfnis, sein eigenes Begehren den Vorrang hat vor demjenigen der Bilder. Deshalb auch kann er nicht damit rechnen, dass Raker, entgegen gängiger Formeln des Science Fiction-Genres, statt ihm zu helfen, ihn vielmehr umbringt. Letzteres bebildert die sodann dritte Intuition: Bilder wirken unmittelbar in die Leben ihrer „Benutzer“ hinein, wie im Falle ihres Begehrens auch ganz unabhängig von den Benutzerintentionen oder denjenigen ihrer Urheber.

Demnächst: Von Images und Bildakten zu „Batman R.I.P.“

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