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…zu Batman R.I.P.

Die Realität von Bildern als soziale Akteure. Superhelden-Comics in synthetic situations Teil 2 (Teil 1)

Meine Arbeit hat das Ziel, Kernpositionen der mit der Kunstgeschichte verschwisterten Bildtheorien als anschlussfähig – in diesem Sinne weiter plausibilisierbar – an sozialtheoretisch konzeptualisierte Mensch-Ding-Interaktionen zu zeigen. Insbesondere W.J.T. Mitchell und Horst Bredekamp unterstellen Bildern, ein von Urhebern und Betrachtern emanzipiertes Eigenleben zu führen, das sich in diskursiven und praxiologischen Zusammenhängen artikuliere. Dabei vermögen weder Mitchell noch Bredekamp eine Argumentation zu formulieren, die gefeit wäre gegen einen „konstruktivistischen“ Betrachter als letztgültiges Gegenargument. Ein beliebtes Beispiel Bredekamps etwa ist eine Holzfigur des gekreuzigten Christus, der eine Plakette mit den Worten „Wolframus hat mich gemacht“ appliziert ist. Gemäß mittelalterlicher Praxis war es am Betrachter, die Beschriftung vor der Figur laut vorzulesen, was Bredekamp deutet als ein Sprechen des Artefakts durch den Mund des Sprechers. Nun kann man einen solchen sozio-apparativen Mechanismus durchaus als eine performative Extension des Bildwillens beschreiben. Einwänden der Art, es sei ausschließlich der sprechende Betrachter, der sozial initiativ wird, es handele sich um eine quasi-magische Performance im besseren Fall, im schlechtesten um eine mediale Simulation, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass man auch „nur“ eine vermaterialisierte Stimme Wolframs intoniert hören könnte, solcherlei Einwänden vermag Bredekamp substantiell wenig entgegen zu setzen. Umso weniger, da zu seinen erklärten Interessensschwerpunkten liturgische Objekte zählen, die fernab jeder menschlichen Ansichtigkeit ein „Eigenleben“ führen sollen. Diese Art Unabhängigkeit von Autor und Rezipient ist mitnichten selbstevident.

Eine intuitiv sinnvolle Konzeptualisierung stellt Mitchells Image-Begriff dar. Images sind die ausserhalb der physikalischen Wahrnehmung verorteten Gedanken-Bilder, die auf dem materiellen Träger des Pictures als dessen Inhalt supervenieren. Diesen eine Art Eigenleben zu unterstellen ist in keiner Weise blödsinnig. Vor einigen Wochen zum Beispiel las ich John Irvings Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag. In einer Passage findet der Waisenjunge Homer Wells die Fotografie einer jungen Frau. Diesehat das erregierte Genital eines Pferdes in ihrem Mund. Sie praktiziert Oralverkehr mit dem Pferd, schließt der frühpubertäre Homer scharfsichtig, weniger zart besaitete Ikonografen würden davon sprechen, dass sie dem Tier „einen bläst“. Ich denke zumindest einigen Lesern steht dieses Bild nun mehr oder minder plastisch vor Augen, und das, so bitte ich zu beachten, ohne dass wir uns ein materielles Datum haben ansehen müssen. Darüber hinaus konnte ich an mir selbst beobachten, dass die geschilderte Fotografie in meiner inneren Bilderwelt zuweilen auch dann auftauchte, wenn ich nicht in die Lektüre vertieft war. Images, so kann man meinen, sind also ablösbar von ihrem Träger, denn sie transponieren den Inhalt der Bildinformationen in das geistige Erleben. Den Images eignet dabei ein infektiöses Moment, denn sie lassen sich in die Gedankenwelt anderer weiterverbreiten, ohne dass sich kontrollieren ließe, welche „konkrete“ Gestalt das von mir geschilderte Bild in meinen Lesern evoziert. Es sind diese infektiösen Eigenbewegungen, die einem Verständnis von „lebenden“ Bildern in meinen Augen am ehesten Rechnung tragen. Allerdings besteht die spezifische Qualität von Mitchells Arbeit – man mag das als ihre Schwäche oder Stärke erachten – darin, dass er um Spezialthemen und Einzelbeispiele sich drehende Essay-Sammlungen verfasst, deren einzelne Kapitel nicht selten eine eindeutige Beziehbarkeit aufeinander vermissen lassen zu Gunsten ergebnisoffener Theoriebildungsprozesse.

Im Folgenden möchte ich mich konzentrieren auf die Emergenz und Wirkweise von Images in Mensch-Bild-Interaktionen. Meine Idee ist, dass Images nicht diskreten Pictures allein eingeschrieben sind und durch Betrachtung lediglich „freigesetzt“ würden. Vielmehr will ich zeigen, dass es sich beim Betrachten von Bildern um einen Praxiskomplex handelt, der sich vollzieht in einem aus gleichwertigen Aktanten bestehenden Mensch-Ding-Umwelt-Netzwerk. Im Zusammenspiel aus Bildperformanz und aktiver Betrachtung, intellektueller Reflexion und unbewusster Überformung von Inhalten werden Images „produziert“, die unabhängig von den situational beteiligten Aktanten auf die Sozialsphäre Einfluss nehmen und zu autonomen sozialen Agenten avancieren. Als Ausgangspunkt dient mir die „Synthetic Situation“, wie sie Karin Knorr-Cetina in Beobachtung der Interaktionen von Börsenspekulanten mit Computer-Bildschirmen entworfen hat. Das Beispiel, auf das ich mich beziehen werde, ist dabei kein Bild im engst-möglichen Sinne, sondern ein hervorragender Vertreter der Sequential Arts: Grant Morrisons Batman R.I.P. Nicht nur ist Batman R.I.P. ein hochreflektierter Comic, an dem sich einige bildtheoretische Kernthesen illustrieren lassen. Darüber hinaus ist es die Form des serialisierten Erzählens im amerikanischen Superhelden-Comic, an der sich nachvollziehen lässt, wie Menschen in persönliche Verhältnisse, in hochintime und global wirksame Interaktionen mit Comicfiguren eintreten.

Demnächst: „The Batman of Zur En Arrh“, oder: Verweisungssysteme als das Unbewusste der Bilder.

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