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…Andeszka (Ein Wunder rettete!). Eine Comic-Skizze


PDF: Richter Ein Wunder rettet

Mit der Zustellung meines Immatrikulationsbescheids bin ich letzte Woche über meine offizielle Einschreibung als Promotionsstudent an der Hochschule für Bildende Kunst Hamburg (HFBK) informiert worden. Damit ist der nach meinem Magister gefasste Plan aufgegangen, meiner künstlerischen Laufbahn binnen eines Jahres einen dezidierten Anschub durch den Anschluss an eine Institution künstlerischer Bildung zu geben. Dieser unverhofft rasche Erfolg bedeutet aber nunmehr, mich in den kommenden Monaten mit (teilweise gänzlich) anderen und neuen Modi des gemeinsamen Arbeitens und Diskutierens in künstlerischen Klassen und den wissenschaftlichen Kolloquien der HFBK vertraut zu machen, als ich sie bisher gelernt habe. Insbesondere, so habe ich in ersten Teilnahmen an den dortigen Lehrveranstaltungen erfahren, muss ich daran arbeiten über meine Kunst in einer Weise zu reden, die dem (prinzipiell als unbedarft zu imaginierenden) Betrachter Möglichkeiten eröffnet, sich in kritischer Auseinandersetzung mit meinen Arbeiten eine eigene Meinung darüber zu bilden.
Diesen „public relations“-Aspekt der Kunst- als Selbstpräsentation zählte ich bislang nicht zu meinen Stärken, er scheint aber eine (wenn nicht DIE) als unabdingbar eingeschätzte künstlerische Kompetenz darzustellen. Um diese praktische Kompetenz einzuüben habe ich mich deshalb entschieden, die an dieser Stelle zu publizierenden Comics und Bilder in Zukunft (wieder) mit Kommentaren zu versehen. Dabei soll es – je nach Gegenstand – vor allem darum gehen, den diskursiven Rahmen anzudeuten, in welchem ich die betreffenden Arbeiten verortet Wissen will.

Bei dem hier gezeigten Comic handelt es sich um eine eigens für die Bewerbung an der HFBK angefertigte Skizze. Weil es darum ging, vorzeigbare Blätter möglichst geschwind zu produzieren, ist der Comic von einer gewissen formalen Uneinheitlichkeit gekennzeichnet, die auf den Improvisationschrakter der Skizze zurückgeht. Prinzipiell bestand die Aufgabe darin aufzuzeigen, dass sich die Linearität des Erzählverlaufs von Comicgeschichten innerhalb der Comicform selbst auflösen lässt. Ähnlich wie durch Fußnoten in wissenschaftlichen Publikationen wird vom eigentlichen (linearen) Text abgelenkt auf nebensächliche Argumente oder Randbemerkungen, editorische Notizen oder weiterführende Literaturhinweise. Ich wollte zeigen, dass solche Verweise aus dem Comic heraus innerhalb einer in ordentlicher Weise über die Seite ausgebreiteten Panel-Architektur realisierbar sind.
Als Ausgangspunkt diente mir ein kurzer Essay, den ich für das Museum Wiesbaden über Gerhard Richters Terese Andeszka (Ein Wunder rettete!) geschrieben habe (und der noch seiner Publikation harrt). Dieser Essay erstreckt sich in grobianischem Duktus getuscht ab Seite 2 über den Comic. Dem Essay sind sodann verschiedene Bild- und Textzitate in assoziativer Weise zugeordnet. Auf Seite 3 etwa stellt der Text die These auf, Richter verhandele in seiner zeitgenössischen Portrait-Malerei eine „Dezentrierung des Subjekts“, wie sie Actor Network-Theoretiker wie Bruno Latour entwerfen. Ebendieser Latour wird denn auch in der Mitte des Blattes mit einem seiner vielbeachteten Hinweise zitiert: Der Puppenspieler wird im Spiel seiner Puppe in gleichem Maße gespielt von seinem Objekt, wie er dessen Bewegungen bestimmt. In diesem Sinne kann er nichtmehr als alleiniger Urheber des Puppenspiels als Ganzes gelten. Illustriert wird Latours Bild widerum durch aus verschiedenen Batman-Comics abgezeichneten Darstellungen der „Ventriloquist“, einer von einer dämonischen Puppe besessenen Bauchrednerin. Der Comic entfernt sich also in zwei gedanklichen Schritten von seinem eigentlichen Gegenstand, Terese Andeszka, wobei die Assoziationskette sich aber (prinzipiell) wieder zurückverfolgen lässt zum Ursprungstext. Sowohl die rot eingemalten „Klammern“ zwischen verschiedenen Textpassagen und Bildelementen sowie die immer wieder aus dem Essay herausdeutenden Pfeile sollen heirbei anzeigen, welchen gedanklichen Assoziationen gefolgt wird.
Weiterhin Bezug genommen wird auf Joseph Beuys und Marcel Duchamp, durch freies Assoziieren gelangt der Comic darüber hinaus vom familiären Urlaubsfoto über die Dekonstruktion der amerikanischen Kernfamilie in The Shining zum Captain America der Marvel Comics und Jasper Johns Flag.

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