[Et.EgoIn…]

…Arcadia. Eine Kulturgeschichte der Gewalt, vom Mord an Steve Perry bis zum „Batman-Massaker“


PDF: Et Ego in Arcadia



Et Ego in Arcadia
versteht sich als Einlassung zum Thema „Mediale Gewalt“. Formal steht es in der Kontinuität meiner abstrakten Comics, deren Prototyp Stijl Noir ist. Das Grundelement des Comics sind Panel-Paare, deren jeweils eine Hälfte Literaturangaben zur Serie Uncanny X-Force zeigt. Die dazugehörigen Einzeltitel schreibt das komplementäre Panel aus. Auf dem Cover sowie auf Seite 1 habe ich zudem Streifen aus den Blättern geschnitten und mit sehr blass getöntem grünen und rosa Papier unterlegt. Diese farbliche Extravaganz soll auf den Koloristen Dean White hinweisen, dessen von Lila und Grün dominierte Palette die visuelle Identität von Uncanny X-Force prägt. Dabei nehme ich bewusst in Kauf, dass meine Farben beim Scannen verloren gehen, weil sie zu dezent (bei extremer Vergrößerung aber wieder zu erahnen) sind. Damit grenze ich mich gegenüber Dean White ab, der bei Uncanny X-Force eine für Koloristen ungewöhnlich prominente Rolle spielt. Aber auch die Beziehung zwischen den Originalzeichnungen und ihrer Reproduktion wollte ich so verkomplizieren: Mein auf seine massenmediale Distribution hin produzierter Comic ist vollumfänglich nur dann genießbar, wenn man die unveröffentlichten Originalseiten zur Hand hat.

Bei den Buchtiteln handelt es sich meiner eigenen Reihenfolge nach um Final Execution Book Two, Final Execution Book One, Otherworld, Dark Angel Saga Book Two, Dark Angel Saga Book One, Deathlok Nation und The Apocalypse Solution. Bereits die martialischen Titel deuten die Prämisse der Comics an: X-Force ist eine geheim operierende Superheldengruppe, deren Aufgabe die Exekution von denjenigen Schurken ist, denen der Rechtsstaat nicht beikommt. Uncanny X-Force zeichnet sich dabei durch ein relativ sensibles Gespür für die moralischen und persönlichen Dilemmata seiner Protagonisten aus. In seiner Ästhetisierung von „body-horror“ (so bezeichnet Colin Smith die exploitative Inszenierung körperlicher Verstümmelung) und seinem (durchaus polyvalenten) Militarismus steht Uncanny X-Force aber paradigmatisch für eine neue, explizite Gewalt in Superhelden-Comics. Diesen Trend greifen auch jüngere Comicverfilmungen auf. Zum Beispiel die realistisch choreografierte Comicgewalt in The Dark Knight erregte einiges Aufsehen, und motivierte scheinbar den Amoklauf in der amerikanischen Kleinstadt Aurora.

Die These meines Comics formuliert sein Untertitel: Das im reißerischen Boulevardjargon eingeführte „Batman-Massaker“ thematisiert die Interdependenzen von Gewalt in künstlerischen, journalistischen und Alltagskontexten; die Ermordung Steve Perrys öffnet den Phänomenbereich zusätzlich für die institutionellen Bedingungen der Comicproduktion. Verarmt und schwer krank wurde Perry von seinem Untermieter auf skrupellose Weise ermordet. Perrys Leichnam ist nur in Teilen und bis heute nicht vollständig gefunden worden. In die bittere Armut, die die Bekanntschaft mit seinem Mörder erzwungen hat, hätte Perry nicht fallen müssen, würden die amerikanischen Unterhaltungsindustrien ihre Milliardengewinne ausgleichen mit den Teilhabe-Interessen der kreativen Urheber selbst, die die vermarkteten Inhalte generieren. Dies wäre durch angemessene Gewinnbeteiligungen zu leisten, in Perrys Fall am Thundercats-Franchise, dessen Erfinder er in den 1980er Jahren war.

Et Ego in Arcadia gibt vor, eine „Kulturgeschichte der Gewalt“ nachzuzeichnen und beansprucht so Gültigkeit über die Comickultur hinaus. Innerhalb dieser Kulturgeschichte diffundiert die Verantwortung für Gewalt: Schwer nachvollziehbar ist bereits, in welche Richtung Wechselwirkungen zwischen realer und ästhetischer Gewalt sowie diesbezüglicher Berichterstattung verlaufen: Reagiert The Dark Knight selbst nicht auf reale Gewalt und deren alltagsmediale Behandlung? Bleiben Amokläufer unmotiviert von der Aufmerksamkeit, die sie von Nachrichtenmachern erwarten dürfen? Steht die Liveberichterstattung über Amokläufe nicht im Verdacht, reale Gewalt voyeuristisch zu vereinnahmen? Die wechselseitigen Bezugnahmen von Tätern, Medien und Gesellschaftskommentar aufeinander deuten eine Verflechtung gegenseitiger Zurkenntnisnahmen an. Für die Bewusstseins(um)bildung aller Beteiligten kann die nicht folgenlos sein.

Et Ego in Arcadia gibt zudem den institutionalisierten Medien ein Gesicht, die den ästhetischen und den kommentierenden Diskurs als Unterhaltungs- oder Nachrichtenindustrie verantworten. Die kreativen Urheber der Gewaltszenarien stehen nicht hinter einem Kollektivakteur zurück, sondern sind namentlich adressierbar. Hier sind dies Rick Remender, Dean White und Jerome Opena als ausführende Organe meiner Beispielinstitution Marvel Comics. Als dessen „content provider“ ermöglichen sie das Handeln des Konzerns erst. Ich meine das zum einen im marktwirtschaftlichen Sinne, denn kreative Inhalte stellen die Ware dar, mit der Marvel seinen Profit generiert. Zum zweiten sind diese Inhalte aber in die Gesellschaft gesetzte Kommunikationsangebote, aus deren Rezeption und Diskursivierung Umgestaltung individuellen und gesellschaftlichen Bewusstseins direkt resultiert – wiewohl Qualität und Ausmaß dieser Umbildung unklar sind. Die benannten Urheber sind zuletzt auch Komplizen ihrer eigenen potentiellen Verelendung, denn das mit ihrer Arbeit erwirtschaftete Kapital bedingt die Oligopolstellung großer Comicverlage, die kreative Urheber in Abhängigkeiten zwingt und institutionellem Gutdünken überantwortet. Remender et al. sind so Kollaborateure des Regimes, das systematisch diejenigen Lebensnöte produziert, die im Mord an Steve Perry kulminierten.

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