[Kürzlich.HabeIch…]

Richter Terese 18a
…den Entschluss gefasst, meine Arbeiten nicht mehr als „Abstrakte Comics“ zu begreifen. Die Bezeichnung war sowieso eher eine Verlegenheitslösung und wird dem Begriff, wie ich ihn von Andrei Molotiu (2009: o. S.) kenne, nicht immer gerecht: „[A]bstract comics can be defined as sequential art consisting exclusively of abstract imagery […] But the definition should be expanded somewhat, to include those comics that contain some representational elements, as long as those elements do not cohere into a narrative or even a unified narrative space.“ Explizit schließt er solche Comics aus, die Geschichten linear erzählen, „in captions and speech balloons while abstracting their imagery either into vaguely human shapes, or even into triangles and squares. In such cases, the images are not different in kind, but only in degree, from the cartoony simplification of, say, Carl Barks‘ ducks“ (ebd.).

Die meisten meiner abstrakten Arbeiten lassen sich auf Stijl Noir zurückbeziehen. Bereits dieser erste abstrakte Comics genügt Molotius Definition jedoch nicht. Stijl Noir vereinfacht sein Personal zu Rechtecken und etabliert einen homogenen Erzählraum. Dennoch meine ich, dass es sich um eine veritable Abstraktion handelt, die in der Welt befindliche Gegenstände ihrer Form nach neu konzipiert.

Ein ursprüngliches Naturding besteht aus einer Menge von Einzelformen, die in regelhafter Weise aufeinander bezogen sind. Das Abstraktum reduziert die Komplexität dieser Beziehungen häufig, indem seine Gestalt weniger Einzelformen involviert. In Stijl Noir verkürze ich etwa viergliedrige, dreidimensionale Mensch zu zweidimensionalen Quadraten. Das Verhältnis der Einzelformen zueinander ist analog zur Regelmäßigkeit des Naturdings.

Richter Terese 18b

Molotiu hat Recht, dass die Abstraktion in Stijl Noir nicht prinzipiell anders ist als Verfahren karikierenden Zeichnens. Nur würdigt er nicht ausreichend, dass solches Cartooning eben auch eine abstrahierendes Operation ist. Molotius Abstract Comics hingegen sind nicht eigentlich abstrakt, sondern ungegenständlich. Sie lassen sich in keine Analogie zu echten Dingen in der Welt setzen, oder zu natürlichen, raum-zeitlichen Umständen, wie sie „narrative spaces“ andeuten. Abstract Comics repräsentieren nicht mehr als das, was sie zeigen (ebd: o. S.): „What you see is what you see.“

Meine abstrakten Comics erschöpfen sich demhingegen nicht in ihrer Gestalt. Sie weisen über sich selbst hinaus auf weitere theoretische Reflexionen. Sie ergeben ihren Sinn erst als bildhaft artikulierte Ausführung. Sie konstituieren einen Argumentationsraum, der sich von einem Narrativ nur der Qualität, nicht dem Prinzip nach unterscheidet.

Literatur

Molotiu, Andrei 2009: „Introduction“, in: Ders. (Hg.): Abstract Comics. The Anthology, Seattle: Fantagraphics, o. S.

Abbildungen

Richter Terese, Blatt 18, 2013

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3 Antworten auf [Kürzlich.HabeIch…]

  1. Heller sagt:

    mir würde sich die frage stellen, wie „narrative or even a unified narrative space“ definiert werden & wie sie sich voneinander unterscheiden. daran anschließend: führt jede caption / sprechblase zur narrativierung?

    schließlich: „sequential art“ als gattungsbezeichnung des abstrakten comics birgt in meinem augen genau die „gefahr“ der narrativierung qua bildabfolge (das drama der rechtecke, das sich für die leserin abspielt).
    (p.s.: http://www.youtube.com/watch?v=xMDtwC76HjA)

    • Jakob Kibala sagt:

      Das Problem mit dem „sequential art“-Begriff sehe ich ganz genauso wie du und könnte dem nichts hinzufügen.
      „Unified narrative space“ ist ein schillernder Begriff, von dem nicht richtig klar wird was gemeint ist. Ich bin durchaus der Meinung, dass viele der in „Abstract Comics“ gezeigten Arbeiten einen solchen unified narrative space etablieren, etwa Arbeiten, in denen Panels durch Schraffieren immer weiter „abgedunkelt“ werden, so wie eine Filmkamera eine Szene „ausblendet (nennt man das „ausblenden“? „Fade out“?). Unified narrative space muss man sich glaube ich analog zur „continuity“ beim Film vorstellen: Von einem Schnitt zum nächsten muss sichergestellt sein, dass der Eindruck einer Kompatibilität der einzelnen Bildausschnitte miteinander gewahrt bleibt. Zwei verschiedene Perpsektiven auf ein und dasselbe Setting müssen auch so aussehen, als gehörten sie zu dem selben Raum, den es in beiden Fällen als solchen natürlich nie wirklich gegeben hat. Dasselbe gilt für Panels: Die Geschehnisse müssen von einem Bildwechsel zum nächsten so aussehen, als würde sich das Dargestellte in dem selben „Raum“ abspielen. Szenen müssen in der selben „Welt“ spielen und den selben Gesetzen unterworfen sein.
      In diesem Sinne sehe ich nicht ein, warum das beschriebene abblenden etwas prinzipiell anderes sein soll als die Kamerafahrt hier zum Beispiel: http://www.warrenellis.com/?p=14271.
      Beiden Comics ist gemein, dass sie vom ersten bis zum letzten Panel selbstverständlich einen in sich logisch konsistenten (vereinheitlichten) Bildraum zeigen.

  2. Heller sagt:

    klingt einleuchtend & überzeugend, gerade die kritik am abstrakten comic via unified narrative space bzw. narrative im allgemeinen. das ganze „problem“ (v.a. der abgrenzungen, definitionen) kommt – sequential art sagt es ja schon – über die „überkreuzung“ der raum- & zeit-achsen zustande (wenn dir langweilig ist, solltest du vielleicht lessings laokoon lesen ;-))…
    & zur beschreibung methodologisch wahrscheinlich entweder auf gestaltpsychologie (frag mal herrn back) oder phänomenologie (sehen-als) zurückgegriffen werden müsste – zumindest zur verteidigung des abstract comics könnte das funktionieren.

    „Von einem Schnitt zum nächsten muss sichergestellt sein, dass der Eindruck einer Kompatibilität der einzelnen Bildausschnitte miteinander gewahrt bleibt. Zwei verschiedene Perpsektiven auf ein und dasselbe Setting müssen auch so aussehen, als gehörten sie zu dem selben Raum, den es in beiden Fällen als solchen natürlich nie wirklich gegeben hat“ – gerade hier würde wahrscheinlich der phänomenologe (oder der gestaltpsychologe?) sagen, dass dies eine synthetische leistung des bewusstseins ist, die so oder so stattfindet & nicht zu verhindern ist (schließung von gestalten). sprich: der raum des (auch abstrakten) comics ist immer ein „unified space“, & das „narrative“ daran kommt bei geringstem(!) anlass mit hinzu. das würde, will man dem abstrakten comic die definition als „sequential art“ weiterhin lassen (& das erscheint mir das minimun zu sein, sonst wäre es ja kein comic), dazu führen, dass der abstrakte comic sich gerade zur aufgabe macht, das, was comic als eigene kunstform auszeichnet – die sequenzialität & ihre (meiner meinung nach – spätestens mit der rezeption – notwendigen) folgen – zum feind zu erklären. die rebellion der kunstform gegen die bedingung ihrer möglichkeit 🙂

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